Freitag, 8. Juni 2018

15 Jahre West-östlicher Divan Iserlohn: 1991 - 2006

Bereits mehrfach wurde über den West-östlichen Divan in Iserlohn/Westfalen in der Reihe "Religionen im Gespräch" (RIG) berichtet:
  • RIG 3: Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne 1994,
    S. 419-420,
    vgl. ICT 13, 1995, S. 55-56; 
  • RIG 5: Die dialogische Kraft des Mystischen. 1998, S. 544-548. 

Der Name klingt bewusst an den „West-östlichen Divan" von Johann Wolfgang von Goethe an, um damit zum Ausdruck zu bringen, dass die Begegnung von Kulturen und Religionen eine Bereicherung für alle diejenigen wird, die sich ein Stück weit in andere Glaubens- und Lebensweisen hineinnehmen lassen.
Rafik Schami, der bekannte Erzähler syrischer Herkunft, schreibt in seinem Buch Damaskus im Herzen und Deutschland im Blick (München: [Hanser 2006], dtv TB 2012, 3. Aufl.) Von der Flucht eines Propheten. Dort begeistert ihn die interkulturelle Kraft Goethes: 
„Man ist geneigt zu denken, Goethe sei während oder vor der Arbeit an seinem kleinen literarischen Juwel in den Orient gefahren, doch er war nur zwischen Weimar, Wiesbaden, Frankfurt und Heidelberg hin und her gependelt. Er vermochte aber durch die Magie der Literatur besser als das Heer heutiger wichtig tuender Journalisten in Kairo, Damaskus oder Tel Aviv den Orient zu verstehen und zu vermitteln. Das ist die unfassbare Magie der Literatur. Und dennoch ist dieses Juwel weder orientalisch noch okzidentalisch geworden. Die Poesie schaukelt zwischen beiden Stühlen und widerspiegelt so auch meine Seele. Ich müsste mein Herz zerreissen, wenn ich trennen wollte, was sich in mir aus Ost und West, Orient und Okzident vereinigt hat. Und ich konnte auch nach der tausendsten Wiederholung noch immer ausrufen:
Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.
Sinnig zwischen beiden Welten
Sich zu wiegen lass ich gelten;
Also zwischen Ost- und Westen

Sich bewegen, sei's zum Besten!“

West-östlicher Divan, Nachtrag zum Divan , 1825/26


Diese Worte Goethes aus dem Nachtrag zum Diwan 1825/26 geschrieben, zeigen die Verwobenheit des Westens mit dem Osten, darum gehören Berichte von „Betroffenen", aber auch das Anhören von Texten aus anderen geografischen und spirituellen Landschaften bei diesem Hin- und Herwiegen dazu. Dem Klang fremder Töne durch verschiedene Musikdarbietungen nachzulauschen, weckt in den Hörern oft unvermutete Erkenntnisse, welche eigene Bereicherung Multireligiosität und Multikulturalität in einer Gesellschaft bringen. Seit dem Jahre 1991 setzen sich Menschen in „unserem“ Diwan oder auf diesem (geistigen) Diwan zusammen, sie setzen sich dem fremden Bekannten und dem unbekannten und doch Vertrauten aus und merken dabei, wie sich selbst verändern: Deutsche und Ausländer, Muslime, Christen, Anhänger der Baha’i-Religion, Marokkaner, Griechen, Iraner, Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien, Männer und Frauen.
Im Grunde hat mit diesem Diwan eine geistige Wanderung, eine interreligiöse Pilgerreise begonnen, von der zu hoffen steht, dass sie dem Zusammenleben von Menschen verschiedener Glaubensweisen und damit auch der deutschen Gesellschaft in unserer Region zugute kommt. Inzwischen rückt der 100. Diwan näher …
Diese Veranstaltung ist nicht zur Massenbewegung herangewachsen, aber es gibt genügend Menschen aus den verschiedensten Kreisen" in und um Iserlohn, aber auch aus größerer Entfernung, die der Meinung sind, dass diese „Baustelle Kulturbrücke“ eine nicht zu unterschätzende Facette im multikulturellen Leben unserer Region ist. Der Gedanke der Brückenbaustelle ist auch mit Bedacht gewählt, weil es zwar Brückenschläge von hier nach dort gibt, aber noch viel zu tun bleibt, bis wirklich die verschiedenen Religionen und Kulturen zueinander gefunden haben, ohne ihre eigene Identität zu verlieren. Kleine Geschenke als Erinnerung und Anstoss für neue Aktivitäten, sowie aktuelle Diskussionen vervollständigen das Bild dieser "Baustelle Kulturbrücke", die immer wieder daran erinnert, dass in einer multikulturellen Gesellschaft, die interreligiöse Verantwortung, d.h. die Verantwortung aller Glaubenden füreinander aus noch so verschiedenen Traditionen nicht einfach ausgeblendet werden kann.
Wegen Umbauarbeiten in der Reformierten Kirche im Stadtzentrum Iserlohns, wo der Diwan seit 1993 eine Bleibe hatte, ist er nach 10 Jahren in die Kapelle der Ev. Akademie Iserlohn gezogen und hat sich dort sehr schnell fest etabliert. Der Vorbereitungskreis hat auch nur leichte Veränderungen erfahren. Von den nichtchristlichen Religionen wirken eine Muslima und eine Hindu-Frau mit.
So hat sich über die Jahre hinweg ein Bewusstsein bei Teilnehmenden und Vorbereitenden entwickelt, dass nämlich die Begegnung mit dem Anderssein des Anderen Gemeinsamkeiten und Unterschiede so entdecken lässt, dass nicht der Gedanke der Abgrenzung, sondern der gegenseitigen Bereicherung vorherrschend geworden ist, also wirklich eine Brückenfunktion zwischen den Religionen, allerdings brauchen diese „Brückenschläge“ weiterer Festigung, ganz im Sinne des Untertitels: Denn dieser Diwan heisst nicht umsonst: Baustelle Kulturbrücke.
Themen in der Kapelle der Evangelischen Akademie Iserlohn seit 2002
v  Nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit
v  Vom Kreuzzug des Friedens
v  Die Lüge schwächen – die Hoffnung stärken
v  Kleines Senfkorn Hoffnung
v  Im Segenskreis Leben: Segen sprühen – Segen spüren
v  Heil-lose Zeit – heil-same Zeit / Zeitensprünge
v  Wie Salz verändert
v  Gebildetes Gewissen I + II / Aufgeklärtes Gewissen
v  Zusammen-Setzen – Zusammen-Sitzen – Zusammen-Beten
v  Den Geist klären - zum Leben erwachen
v  Himmelszeichen sondergleichen (Busstag)
v  Jahres-Ringe: von der Wurzel zur Scheibe
v  Für ein menschliches Jahrhundert
v  Erde der Menschen (nach dem Roman von Saint-Exupéry)
v  Sinneswandel
v  Erneute Ankunft
v  Achte auf deinen Tag …
v  Mutter Erde – Bruder Himmel

Summary: 15 years of the West-Eastern Divan at Iserlohn
The interfaith group with the name Divan has been existed since 15 years at Iserlohn, a city in the South of Westphalia. The name remembers consciously Goethes “West-Eastern Divan”. “Our” Divan assembles persons of different religions and cultures to develop a climate of reconciliation. The meetings have taken place in a city church of Iserlohn and since 2002 in the chapel of the Evangelical Academy of Iserlohn. Because of this commitment the Divan is also called “Cultural Bridge in Construction”. With these Divans we have begun an inner pilgrimage of interreligious and intercultural dialogue in our region. Now we approach at the 100th divan. The items of the meetings – actual or meditating, the discussions, the readings and the little symbolic gifts show the continuous responsibility which people of different religions bear for one another. The participants have experienced the richness by the otherness of the other. But there is still much to do.
Translation: Herbert Schultze
Résumé: 15 ans du „Divan occidental-oriental“ à Iserlohn

Le groupe interreligieux Divan occidental-oriental existe depuis 15 ans à Iserlohn, une ville dans le sud de la Westphalie. Le nom rappelle le livre “Le Divan” de Goethe. “Notre” Divan réunit des personnes de différentes
cultures et religions pour dévélopper un climat de réconciliation. Les rassemblements ont d’abord eu lieu dans une église au centre d’Iserlohn et depuis 2002 dans la chapelle de l’Académie Protestante à Iserlohn. A cause
de son engagement le Divan est aussi appelé “Pont culturel – en construction“. Nous avons commencé par les divans un pèlerinage interne du dialogue interreligieux et interculturel dans notre région. Maintenant nous arrivons au 100ème divan. Les thèmes des réunions – actuels ou méditatifs, les discussions, les lectures et de petits cadeaux symboliques démontrent la responsabilité continue que les hommes de différentes religions portent l’un pour l’autre. Les participants font l’expérience de la richesse de l’altérité de l’autre. Mais il reste beaucoup à faire.
Traduction: Tom Kerger
Resumen: 15 años del “Divan occidental – oriental” en Iserlohn
El grupo interreligioso con el nombre Divan existe desde hace 15 años en Iserlohn, una ciudad en el Sur de Westfalia. El nombre recuerda al Divan occidental-oriental de Goethe. „Nuestro“ Divan reúne a personas de culturas y religiones diferentes para desarrollar un clima de la reconciliación. Las reuniones comenzaron teniendo lugar en una iglesia en el centro de Iserlohn y después del año 2002 en la capilla de la Academia Evangélica en Iserlohn. Por motivo de su compromiso el Divan es denominado también “Puente cultural en construcción”. Con estos divanes hemos comenzado una peregrinación interna del diálogo interreligioso e intercultural en nuestra región. Ahora existen aproximadamente cien divanes. Los temas de las reuniones – actuales o meditativos, las discusiones, las lecturas y los pequeños regalos simbólicos, muestran la responsabilidad continua que asumen mutuamente las personas de las diferentes religiones. Los participantes entregan la experiencia de la riqueza de ser diferentes uno del otro. Pero queda mucho por hacer.
Traducción: Yenny Buholzer Sepúlveda


Reinhard Kirste



Zuerst erschienen in: Reinhard Kirste / Paul Schwarzenau / Udo Tworuschka (Hg.):

Europa im Orient - der Orient in Europa. Religionen im Gespräch, Bd. 9 (RIG 9). 
Balve: Zimmermann 2006, S. 342-345,
 aktualisiert, 07.06.2018 

CC

relpäd/DiwanRIG 9)

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