Samstag, 23. April 2016

Heinrich Seuse (1295-1366) - Gott ist das Nicht(s)

Ulmer Gedenkbild für Heinrich Seuse
- Kolorierter Holzschnitt, Ulm um 1470 -
(Buchcover)
Heinrich Seuse (Suso) gehört zu den Schülern Meister Eckharts. Er wirkte im südwestdeutschen Raum und in der Schweiz. Meister Eckhart verteidigte ihn gegenüber den Missdeutungen seiner Schrift „Büchlein von der Wahrheit“. Er gehört zu den ersten Deutschen, die eine Selbstbiografie (in deutscher Sprache) schrieben („Das Leben des seligen Heinrich Seuse“). Er ist durch seine Predigten und seelsorgerliche Arbeit berühmt geworden.
Gott als das Nicht(s)
„Diese lautere Einheit ist eine dunkle Stille, eine ruhevolle Geruhsamkeit, die niemand verstehen kann als der, in den die Einheit mit ihrem eigenen Sein leuchtet. Aus der stillen Ruhe leuchtet rechte Freiheit ohne jegliches böse Denken und Handeln, denn solche Ruhe gebiert sich selbst aus der Entäußerung (des eigenen Selbst); da strahlt verborgene Wahrheit aus ohne alle Falschheit, und diese erzeugt sich in der Aufdeckung der verhüllten Lauterkeit ... Und so leuchten alle Dinge in dem (göttlichen) Sein in darin seiender Stille nach der Einfachheit dieses Seins.
Dieses selbe über allem Sein stehende Wo, von dem gesprochen wurde und in dem ein erprobter Diener mit dem ewigen Sohne die Wohnstätte teilen soll, kann man das seinshafte namenlose Nichts nennen. Und da gelangt der (menschliche) Geist zum Nichts der Einheit. Diese Einheit heißt darum ein Nichts, weil der Menschengeist keinen der Endlichkeit angehörigen Ausdruck finden kann, um zu sagen, was es sei. Der Geist empfindet nur, dass er erhalten wird von einem, der anders ist als er selbst. Darum ist das, was ihn hält, in bestimmterer Weise ein Etwas als ein Nichts; es ist aber dem Menschengeist ein Nichts nach der Art des Seins. ...
Allen Menschen, die in Gott wieder zurückgeführt werden sollen, ihren und aller Dinge ersten Beginn zu erkennen, denn danach bestimmt sich auch ihr letztes Ziel. Und darum soll man sich vorhalten, dass alle, die welche je von der Wahrheit sprachen, darin übereingekommen, es gebe irgendwie ein Erstes und Einfachstes und vor ihm sei nichts. Nun hat Dionysius* dieses unergründliche Wesen in seiner Lauterkeit gesehen und sagt (und mit ihm andere Lehrmeister), dass das Einfache, von dem da gesprochen wird, mit keinem Namen angemessen bezeichnet werden könne; denn wie wir in der Logik hören, soll der Name Natur und Begriff des genannten Dinges ausdrücken, Nun ist klar, dass des vorgenannten einfachen Wesens Natur endlos, unermesslich und aller geschöpflichen Vernunft unbegreiflich ist. Darum sind alle gelehrten Geistlichen darin einig, dass dieses Wesen ohne genauere Bestimmung auch ein Wesen ohne Namen ist. Und darum sagt Dionysius in dem Buch von den göttlichen Namen, dass Gott ein Nicht-Sein oder ein Nichts sei, und das ist zu verstehen nach all dem Wesen und Sein, das wir ihm nach geschöpflicher Weise beilegen. Denn was man von ihm in solcher Weise aussagt, ist alles in gewisser Wese falsch, und das Gegenteil ist richtig.**  Und so gesehen, möchte man ihn ein ewiges Nichts nennen; aber wenn man von einem Ding reden soll, wie unübertrefflich oder überaus wichtig es ist, so muss man ihm wohl schon Namen beilegen.
Das Wesen dieser stillen Einfachheit ist ihr Leben, und ihr Leben ist ihr Wesen. es ist eine lebendige, wesenhafte, in sich selbst seiende Vernunft, die in sich selbst versteht, in sich selbst ist und lebt und die dasselbe ist.
* Dionysius Areopagita (angeblich erster Bischof von Athen, der sich nach einem Schüler des Apostels Paulus benannte. Er gehört zu den christlichen Neuplatonikern, die für die Geschichte der Mystik große Bedeutung gewannen. Unter seinem Namen schrieb ein Unbekannter um 500 eine Reihe  von Schriften, auf die Seuse hier Bezug nimmt, konkret geht es um: Von den heiligen Namen (I,4-6 und VII,3).
** Seuse bezieht sich hier auf Meister Eckhart (s.o.).

     

Die Texte stammen aus:

--- Seuse, Heinrich: Deutsche mystische Schriften. 
Aus dem Mittelhochdeutschen übertragen und herausgegeben von Georg Hofmann (). 
Mit einer Einführung von Emmanuel Jungclaussen. Düsseldorf: Patmos 1986, S. 192.333

--- vgl. ferner: Haas, Alois M.: Kunst rechter Gelassenheit. 
Themen und Schwerpunkte von Heinrich Seuses Mystik
Bern u.a.: P. Lang 1996, 2. Aufl., 271 S. + Abb.

Zuerst erschienen in: Iserlohner Con-Texte Nr. 15 (ICT 15):
 Auf dem Weg zur Achtsamkeit. Iserlohn 1999, Online-Ausgabe 2009 , S. 76-77

Bearbeitet und erweitert, 23.04.2016



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