Samstag, 14. Juli 2018

Tradition, Mystik, Reform und Restauration im Islam (aktualisiert)

ÜBERSICHT
1. Koran-Interpretation,
    islamische Theologie und Philosophie

2. Sufismus
3. Traditionalistische Einflüsse im Mittelalter
4. Neuzeitliche Strömungen zwischen Reform und Restauration
5. Weiterführendes Material, Literatur, Internetzugänge


1.  Koran-Interpration,
islamische Theologie und Philosophie
 

Die islamische Geschichte ist von Beginn an mit erheblichen Spannungen verbunden. Nach dem Tode Mohammeds 632 n.Chr. wirkten  sich  besonders die Auseinander-setzungen um seine Nachfolge und die Rechtmäßigkeit der Kalifen aus. Die Folge war die Trennung von Sunniten und Schiiten. Immer wieder führten sunnitische und schiitische Herrscher gegeneinander Krieg. Eigentlich gehört in diese "Denominationen" des Islam
noch eine dritte Gruppe:
Die Ibaditen.

Seit dem 8. Jahrhundert  verstärkten sich wichtige Entwicklungen der islamischen Kulturgeschichte. Die (sunnitischen) Abbasiden übernahmen von den Umayyaden die Macht. Nach Damaskus wurde Bagdad Hauptstadt der muslimischen Welt und bildet bis zu seiner Zerstörung durch die Mongolen im Jahre 1258 das weltlich-kulturelle Zentrum der östlichen islamischen Hemisphäre. Gleichzeitig werden durch die arabische Eroberung des größten Teils der Iberischen Halbinsel seit 711 Granada, Córdoba, Sevilla und Toledo zu Zentren islamischen Geisteslebens. Künste und Wissenschaften, Jurisprudenz und Philologie, Theologie und Philosophie entwickeln sich zu nie dagewesener Blüte. An den islamischen Universitäten wurden die griechischen und lateinischen Philosophen und besonders Plato und Aristoteles übersetzt und kommentiert. 

Islam und Aufklärung im Mittelalter

Eine intensive Auseinandersetzung fand mit den neuplatonischen Positionen des Mediziners, Philosophen und Mystikers Ibn Sina (latinisiert = Avicenna, 980–1037) statt. Die gegenteilige Meinung legte der berühmte spanischen Arzt und Philosophen Ibn Rushd (latinisiert = Averroës, 1126–1198) dar. Er stand in der rationalistischen Entwicklungslinie des Aristoteles, den er umfassend aktualisierend kommentierte.   Insgesamt ging es um die Übernahme der hellenistischen Philosophien und einer daraus zu entwickelnden Koran-Hermeneutik mit den dazugehörigen Evidenz-Kriterien. Die Philosophie des Averroës beeinflusste darüber hinaus die gesamte mittelalterliche christliche Theologie, besonders die Universität Paris. 
Innerhalb der sunnitischen Theologie und Philosophie kam es bereits im 12./13. Jahrhundert dazu, dass  kaum noch neue Ideen diskutiert wurden, weil die Theologen in ihrer Jurisdiktionsfunktion die freie Forschung mehr und mehr einschränkten. 

Ausführliche Information
mit Folgewirkungen bis in die Gegenwart: hier

2.  Sufismus
In diesem Zusammenhang spielt die Entwicklung
der islamisch-mystischen Richtungen eine wichtige Rolle. 

Mehr zum Sufismus:
Geschichte, Mystiker, Orden, Literatur: hier


3.  Traditionalistische Einflüsse im Mittelalter
Die spirituelle Vertiefung im Sufismus und der konsequente Vernunftgebrauch in der rationalistisch geprägten Theologie war vielen orthodoxen Rechtsgelehrten zunehmend ein Ärgernis. Sie wurden zunehmend des kufr ( = Unglauben) angeklagt. Denn zahlreiche Sufi-Meister und theologisch-philosophische Lehrer an den islamischen Universitäten, aber auch einfache Wanderderwische, verbreiteten ihre revolutionär anmutenden Ideen von der Gleichheit aller Menschen mit einem aufgeklärten dialogischen Koranverständnis. Die Folge war, dass eine Reihe der philosophischen Rationalisten wie der Sufi-Lehrer entweder von islamischen Herrschern verbannt, eingekerkert oder gar hingerichtet wurden.
Eine besonders problematische Rolle spielt dabei Ibn Taimiya, (1263–1328), dessen Fatwas (theologische und juristische Gutachten) die idjtihad faktisch zu verschließen versuchten. Das Ergebnis war, dass seit dem 13. Jahrhundert die islamische Theologie praktisch keine Veränderungen mehr erfuhr und sich teilweise fundamentalistisch verhärtete. Auch das zum Weltreich aufstrebende Osmanische Reich hatte kein Interesse an einer Theologie, die sich durch fortschrittliche Diskussionen auszeichnete. Auch europäische Errungenschaften wie der Buchdruck fanden viel zu spät Eingang in die osmanische Machtzentrale.
Der europäische Fortschritt in Wissenschaft und Technik brachte dem Osmanischen Reich
die erniedrigende Erfahrung, nicht mehr als "Global Player" ernst genommen zu werden.
4.  Neuzeitliche Bewegungen
zwischen Reform und Restauration


Einen guten Überblick von 1900 bis zur Gegenwart bietet:
Reinhard Schulze: Geschichte der Islamischen Welt
--- München: C.H. Beck 2016 (Buchbesprechung)

In der Folge des europäischen Kolonialismus und dem Niedergang des Osmanischen Reiches wurden die hegemonialen Konflikte auf dem Rücken der islamisch geprägten Regionen ausgetragen. Ende des 19. Jahrhunderts empfanden viele islamische Intellektuelle die Überheblichkeit, die europäische Orientbild prägte als herabwürdigend. Im Sinne westlichen Fortschrittsdenkens betrachteten Islam mit moderner Zivilisation und Wissenschaft als unvereinbar. Dagegen entwickelte sich auf der Südseite des Mittelmeeres eine aus dem islam kommende Reformbewegung, die besonders durch  Jamâl ad-Dîn al-Afghânî, Muhammad Abduh, Rashîd Ridâ und Abd ar-Rahmân al-Kawâkibî (1854-1902) geprägt wurde. Sie schlossen sich damit z.T. an die Reformbestrebungen im Mittelalter an. Das bedeutete zugleich, an die die wahrhaften Ursprünge des Islam anzuknüpfen und damit auch die islamische Rechtsprechung zu aktualisieren. Der hier aufbrechende Grundkonflikt trat in seiner Schärfe erst nach der Unabhängigkeit der meisten islamischen Länder von der Kolonialherrschaft zutage.
Der gemeinsame Gegner gegenüber den Unabhängigkeitsbestrebungen waren sowohl die Kolonialherren aus Europa als auch das Osmanische Reich. Der Islam wurde nun von den unterschiedlichen Reformrichtungen als einigende Kraft angesehen, um die Gemeinschaft aller Muslime, der „umma“, wiederherzustellen. Reform hin zu den Basis-Werten des Islam ist damit Vorwärts- und Rückwärtsbewegung zugleich. 

Islam und Aufklärung - "Liberaler Islam"
Die Idjtihad (arabisch = Tor der Auslegung) bedeutet nämlich die Möglichkeit, den Koran und die Hadithe unter veränderten gesellschaftlichen Bedingungen, also im Blick auf die Gegenwart hin zu interpretieren. Damit wird eine vernunftgemäße Textkritik und eine aktualisierende Hermeneutik religiöser und damit auch geoffenbarter Texte möglich. So wird neben der Itjitahd die Fitra (arabisch = der natürliche Sinn) zur Beurteilung wichtig. Die westliche Moderne wird dabei nicht im Sinne eines islamischen Gegenentwurfs gesehen, sondern fordert zu geistiger Begegnung und zu interreligiösem Dialog heraus. Islam und Demokratie sind von daher vereinbar und die Gleichberechtigung der Geschlechter wird ebenfalls aus dem Koran abgeleitet. Es gibt darüber hinaus größere Variationsmöglichkeiten im rituellen Gebet und der Durchführung religiöser Pflichten.

Aufklärerische Tendenzen im Islam: hier
Geschichte und Gegenwart

Panislamismus
Als Gegengewicht zum europäischen und amerikanischen Imperialismus sollen alle Muslime in einem islamischen Staat vereint leben. Auch al-Afghani plädierte in dieser Richtung.
Wahabismus
Er ist nach seinem Gründer Mohammed Ibn Abdel Wahab (etwa 1703 bis 1791) benannt. Er stammte aus der Nähe des heutigen Riad.: Nach seiner Meinung hatte sich der Islam von seinem Ursprung entfernt. Er sah Vielgötterei und Heiligenverehrung als gängige Praxis und forderte von daher nicht nur die Einfachheit eines gläubigen Lebens im Sinne des Propheten Mohammed. Nach erheblichen Rückschlägen gelang es ihm, als Wanderprediger saudische Beduinenstämme für diese Richtung zu gewinnen. Damit begann ein missionarisch geprägter Eroberungsfeldzug. Nach dem Zusammenbruch des Osmanischen Reiches wurde der Wahabismus in Saudi-Arabien Staatsreligion. 
Muslimbrüder
Die Muslimbruderschaft wurde 1928 von dem Lehrer Hasan al-Banna in Ägypten gegründet. Sie setzte sich als antikoloniale revolutionäre Bewegung für die Befreiung von der britischen Fremdherrschaft ein – mit dem Ziel, den ursprünglichen Islam wiederherzustellen und eine Errichtung eine islamischen Ordnung im Rahmen der Scharia einzurichten. Die Muslimbruderschaft breitete sich sehr bald besonders nach Syrien und Jordanien aus und gehört zu den wichtigen politische Bewegungen des Islamismus.
Salafiyya
Der Ausdruck Salafiyya oder Salafismus (von arabisch Salaf = der Vorfahre) bezeichnet Rückbesinnung diejenigen Vorfahren die den „reinen“ Islam praktizierten. Es handelt sich überwiegend um sunnitische fundamentalistische Strömungen, die sich wie auch andere Reformrichtungen u.a. auf Muhammad Abduh, aber ebenso auf Ibn Taimiya berufen (s. Reformen des Islam-Mittelalter}! So wird die gesamte (westliche) Moderne ebenso abgelehnt wie neuere Entwicklungen in der islamischen Theologie. Zugleich wird von den Salafisten die Auslegungsgpraxis in manchen der klassischen  Rechtsschulen abgelehnt und ebenso die mystische Richtung des Sufismus.
„Konservative Reform“
Zwischen den fundamentalistischen Strömungen des Islam und den sog. liberalen Richtungen dürfte Tariq Ramadan (*1962 in Genf, in England lebend), Enkel von Hassan al Banna, anzusiedeln sein, der sich für eine Inkulturation islamischer Werte unter den modernen gesellschaftlichen Bedingungen Europas einsetzt.


4. Weiterführendes Material, Literatur, Internetzugänge

Allgemeine Literaturhinweise zum Islam:
Grundsätzliches, Geschichte, Moderne
  • Christopher de Bellaigue: Islam Enlightenment. The Struggle Between Faith and Reason.
    1798 to Modern Times. New York City: Norton & Norton 2017
  • Charles E. Butterworth (ed.): The Political Aspects of Islamic Philosophy.
    Essays in Honor of Muhsin S. Mahdi. Harvard Middle Eastern Monographs.
    Harvard University Press 1992
  • Ulrich Haarmann (Hg.): Geschichte der arabischen Welt.
    München: C.H. Beck 1987
  • Heinz Halm: Die Schia. Darmstadt: WBG 1988
  • Denis Aigle: The Mongol Empire between Myth and Reality.
    Leiden (NL): Brill 2015 
  • Ermute Heller / Hassouna Mosbahi (Hg.):
    Islam, Demokratie, Moderne.
    Aktuelle Antworten, arabischer Denker.
    München: C.H. Beck 1998
  • Gilles Kepel / Yann Richard (dir.):
    Intellectuels et militants de l’islam contemporain. Paris: Seuil 1990
  • Richard K. Khuri: Freedom, Modernity, and Islam. Toward a Creative Sythesis.
    Syracuse University Press (USA) 1998, XLI, 384 pp., index
  • Abdallah Laroui: Islam et modernité. Paris: La Découverte 1987
  • Abdelwahab Meddeb: Die Krankheit des Islam.
    Aus dem Französischen von Beate Thill und Hans Thill.
    Heidelberg: Wunderhorn 2000
  • Michael Lüders (Hg.): Der Islam im Aufbruch.
    Perspektiven der arabischen Welt. SP 1569. München: Piper 1992
  • Nadine Picaudou: L'islam entre religion et idéologie.
    Essai sur la modernité musulmane.
    nrf essais. Paris: Gallimard 2010, 310 pp., index
    Rezension in: Archives de sciences sociales des religions,
    no. 152 | octobre-décembre 2010 : Bulletin Bibliographique 
  • Tariq Ramadan: Radikale Reform.
    Die Botschaft des Islam für die moderne Gesellschaft.
    Aus dem Englischen von Kathrin Möller  und Anne Vonderstein.
    München: Diederichs 2009
  • Reinhard Schulze: Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert.
    München: C.H. Beck 1994
  • Klaus von Stosch: Herausforderung Islam. Christliche Annäherungen.
    Paderborn: Schöningh 2016
  • Monika und Udo Tworuschka: Illustrierte Geschichte des Islam.
    Berlin: Metzler 2017
  • Michel Wieviorka (dir.): L’avenir de l’islam en France et en Europe. Les entretiens d’Auxerre. Paris: Balland 2003
Reinhard Kirste
                                                                                 Relpäd/Islam/Reformen im Islam-MA-Neuzeit

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