Mittwoch, 8. November 2017

Die Wege der Jakobspilger - Grenzgänger zwischen Abendland und Morgenland (aktualisiert)



In der Apostelgeschichte wird vom Martyrium eines der Jünger Jesu, Jakobus des Älteren, dem Bruder des Johannes, berichtet. König Herodes Agrippa ließ ihn vermutlich im Jahre 44 in Jerusalem „mit dem Schwert hinrichten" (Apg 12,2). Danach wurde es still um diesen Jünger und erst im Mittelalter tauchte seine Gestalt mit vielen Legenden verwoben wieder auf.

Andreas Drouve schreibt zur Variante des berühmten Erzählers Jakob de Voragine: „Hält man sich an Voragines Version, nahmen Jakobus' Jünger seinen Leib, legten ihn auf ein Schiff, bestiegen das Boot ohne Rudermannschaft, überließen den Ort der Bestattung der göttlichen Vorsehung und landeten, vom Engel des Herrn geleitet, an der Küste Galiciens. Dort befand sich das Reich der Königin Lupa, der „Wölfin". Die Jünger nahmen den Leib vom Schiff, erstatteten Lupa Bericht von ihrer wundersamen Reise und erbaten einen würdigen Platz für die Bestattung. Die Königin jedoch war verschlagen und listig. Sie überließ den Jüngern Rinder und einen Karren, um den Leib des Verstorbenen darauf wegzuschaffen. Wohl wissend, dass es sich bei den Rindern um wilde Stiere handelte, hoffte sie auf einen raschen Tod der Jünger. Ein Kreuzzeichen besänftigte jedoch die Stiere, die den Wagen daraufhin mitten in Lupas Palast fuhren. Als die Königin dies sah, erschrak sie …, nahm den christlichen Glauben an und übte sich den Rest ihres Lebens in guten Werken. Die Jünger … lenkten den Karren landeinwärts. Auf einem Grundstück namens Libredón bestatteten sie Jakobus …  Erst im ersten Drittel des 9. Jahrhunderts – die Erzdiözese von Santiago de Compostela spricht von den Jahren um 829 – wurde die Grabstätte wiederentdeckt“, und zwar aufgrund von Lichtphänomenen, die ein Einsiedler und der Bischof genau des galizischen Ortes sahen, an dem der Leichnam knapp 800 Jahre die Iberische Halbinsel erreicht hatte
(Andreas Drouve: Lexikon des Jakobswegs. Personen – Orte – Legenden. Freiburg u.a. 2006, S. 73-75).

Diese Wiederentdeckung erfolgte sozusagen rechtzeitig im Zuge der Auseinandersetzungen mit den arabischen Eroberern der Iberischen Halbinsel. Die Christen in Europa sahen sich durch die Muslime  bedroht, nachdem diese im Jahre 711 begannen, das westgotische Spanien zu erobern. 732 konnten in der Schlacht bei Tours und Poitiers die Eroberungs- und Raubzüge in der Mitte Frankreichs einigermaßen gebremst werden. Inzwischen war nur noch der Nordwesten Spaniens christlich geblieben.
In einer solchen Situation war eine Identifikationsfigur für dies in Bedrängnis geratenen christlichen Herrscher nötig. Dies dürfte der Hintergrund sein, warum die Jakobus-Legenden entstanden. Sie passten auch in das Schema der weltweiten Mission des Christentums, bei welcher Jakobus, Jünger Jesu und Apostel, schon zu seinen Lebzeiten nach Spanien gekommen sein sollte.

Das Ereignis der Wiederentdeckung des Jüngergrabes verbreitete sich erstaunlich schnell bis nach Osteuropa. Die Gräberwallfahrten zu den Heiligen und der Reliquienkult hatten in Europa bereits erheblich zugenommen. Die Gläubigen erwarteten an diesen heiligen Orten Vergebung der Sünden, Heil und Heilung gleichermaßen; und die Kirche förderte diese Bewegung intensiv mit einer Vielzahl möglicher Sündenablässe. So machten sich viele Pilger auf die gefährliche und weite Reise fast bis an das Ende der Welt. 
Da die Wege dorthin im Grenzgebiet zwischen den arabischen und christlichen Fürstentümern lagen, erhoffte man sich natürlich vom Hl. Jakob seelischen und körperlichen Beistand. Und diese Hoffnung schien nicht unbegründet, denn schließlich war Jakobus selbst auf einem Pferd bei der Schlacht von Clavijo 844 den Christen voran geritten und hatte ein maurisches Heer in die Flucht geschlagen. 
(vgl. Andreas Drouve: Die Wunder des Heiligen Jakobus.
Legenden am Jakobsweg. Freiburg u.a. 2007)

Nachdem es überdies im 12. Jahrhundert schwieriger, ja fast unmöglich geworden war, nach Jerusalem zum Heiligen Grab (Jesu) zu pilgern und auch die Kreuzzüge nichts daran änderten, übernahm die nach dem Heiligen benannte Stadt Santiago de Compostela gewissermaßen diese Funktion und wurde so zum „westlichen Jerusalem“, das erst durch die Reformation an Bedeutung verlor.


Bedeutende Jakobswege (Wikipedia-Santiago de Compostela)
So geschah lange Zeit relativ wenig, aber seit der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Pilgerbewegung auf dem Jakobsweg wieder ein europäisches und sogar internationales Phänomen. Das zeigte sich schon 2004, ein "Ano Xacobeo", das immer ausgerufen wird, wenn der Todestag des Jüngers (25. Juli) auf einen Sonntag fällt. Einen erheblichen weiteren Schub brachte in Deutschland auch das Buch von Harpe Kerkeling:  „Ich bin dann mal weg“ (München 2006). So geht die Pilgerzahl jährlich inzwischen in die Hunderttausende. Die Ursache dieses Booms liegt sicher nicht nur in den auflagenstarken Büchern und Pilgerführern, die sich diesen Trend zunutze machen, sondern auch an einem seit den 90er Jahren des vorigen Jahrhunderts stets wachsenden Interesse an dieser spirituellen Art des Reisens. In der Pilgerschaft werden Körper und Seele extrem herausgefordert . 
Der typische Jakobspilger
Jakobsbrunnen Soest - 2250 km bis Santiago
Eine weitere Folge ist, dass auch in Deutschland mehr und mehr Wegstrecken (wieder) mit der Jakobsmuschel gekennzeichnet sind und inzwischen viele regionale Wege entstanden sind.

Pilger-Kathedrale S. Marie-Madeleine, Vézelay
Mystischer Weg: Die Tympana und Kapitelle 

So zeigen sich die Jakobswege inzwischen wieder als ein Wegenetz von wahrhaft europäischer Bedeutung. Von daher müsste sich auch der „Maurentöter“ Jakobus zur Integrationsfigur wandeln, um angesichts der spannungsgeladenen Geschichte von Christentum und Islam Versöhnung stiftend zu wirken. Einem Jesusjünger stünde dies wohl an. 

Weitere Informationen:


Reinhard Kirste
--- relpäd/Jakobs-Pilgerweg, bearb. 03.11.14, 

mehrfach aktualisiert, 25.05.17 u.ö.


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